„Tut Wut gut?“

"Tut Wut gut?" Umgang mit Aggression, www.mayarisch.ch

„Tut Wut gut?“

Wut ist wird oft negativ bewertet, weil wir keine Gewalt wollen. Deshalb soll die Wut auch weg.
Dabei kann sie uns, rechtzeitig ausgedrückt, wirklich eine Hilfe sein im Leben, denn sie bringt viel Kraft mit sich.

Dieser Artikel ist im April 2020 auf www.familienleben.ch erschienen.

«Wenn ich nach einem Tag ohne Pause und dem x-ten Streit der Kinder explodiere und in der Wut meine Kinder anschreie und Dinge zu ihnen sage, die ich im Leben nie sagen wollte, plagen mich danach Schuldgefühle», sagt meine Freundin. «Wut ist keine gute Sache.» Ihr Sohn findet hingegen: «Hmm, wenn ich wütend bin und dann Dampf ablasse und schreie, stampfe und kämpfe, bin ich nachher irgendwie leichter und ruhiger. Wut tut mir gut.»

Wut erkennen und als Warnsignal nutzen

Wut ist eine Kraft, Lebensenergie, ein Grundgefühl, das alle Menschen schon bei der Geburt mitbringen. Sie leistet uns als Warnsignal gute Dienste, wenn es uns gelingt, sie rechtzeitig wahrzunehmen und zum Ausdruck zu bringen. Zum Beispiel indem wir frühzeitig und kraftvoll «Nein» oder «Stopp» sagen, wenn unsere Grenze überschritten wird. «Ich halte diese laute Musik nicht mehr aus. Ich will, dass du leiser stellst oder ins Zimmer gehst.» Oder, wenn wir kraftvoll dafür einstehen, dass wir 15 Minuten Pause brauchen, weil grad alles zu viel wird. Wut kann Veränderung bewirken, wenn wir sie rechtzeitig wahrnehmen und angemessen ausdrücken.

Das klingt einfach und einleuchtend. Warum lehnt dann aber meine oben erwähnte Freundin die Wut ab? Warum fällt es den meisten von uns so schwer, Wut als etwas Gutes zu sehen und ihre Kraft zu nutzen?

Wir wollen Wut oft nicht wahrnehmen. Warum eigentlich?

Vielfach kennen wir nur die zerstörerische Seite der Wut. Vielen von uns wurde von wütenden Erwachsenen Gewalt angetan, indem wir verbal gedemütigt oder gar geschlagen wurden. Daraus haben wir gelernt, dass Wut und Aggression zu Gewalt führen und grosse Schmerzen verursachen. Weil wir unsere Liebsten nicht verletzen wollen, lehnen wir nicht nur Gewalt ab sondern auch gleich Wut und Aggression.

Wenn wir keinen gesunden Umgang mit Wut erlebt haben, keine Modelle und Strategien kennen, wie wir konstruktiv damit umgehen können, dann ängstigt es uns, wenn wir spüren, wie Wut in uns aufsteigt. Wir wollen nicht gewalttätig sein und unsere Erfahrung sagt uns, dass wir nun gerade darauf zusteuern, also versuchen wir, die Wut zu verdrängen. Wir negieren, verstecken oder unterdrücken sie.

Wohin geht die Kraft, wenn wir unsere Wut verdrängen?

Leider führt diese Unterdrückungs-Strategie häufig genau zu dem, was wir eigentlich verhindern wollen. Indem wir Wut verdrängen, verschwindet sie nicht einfach, sondern gärt im Versteckten weiter, wie frischer Most in einer Flasche. Wir können die Flasche zwar zuschrauben, damit der Most nicht ausläuft, aber irgendwann wird der Druck so gross, dass die ganze Flasche explodiert. Die Wut staut sich an und sucht sich dann irgendwann unkontrolliert ihren Weg.

Tatsächlich ist es so, dass die Gefahr für Gewalt steigt, wenn wir uns unter Druck, hilflos oder ohnmächtig fühlen. Wir halten das nicht mehr aus, explodieren irgendwann und werden verbal oder physisch ausfällig.

Bei einigen Menschen geschieht auch das Gegenteil. Um diese Explosion zu verhindern, geht die verdrängte Kraft nach innen, gegen uns selber los. Wir werden uns selber gegenüber abwertend, zweifelnd, traurig oder verbittert.

Wie wir uns mit unserer Wut auseinandersetzen

Tut Wut nun also gut? Sicherlich nicht, wenn sie zerstörerisch wirkt. Sie tut gut, wenn wir den gesunden Umgang mit ihr erlernen.

Das ist ein Prozess. Ein erster Schritt in die richtige Richtung besteht darin, Wut bewusst wahrzunehmen, wenn sie hochkommt, statt sie zu verdrängen, wenn sie als sich als Signal meldet. «Hallo Wut» könnte ein Anfang sein.

Wenn das nächste Mal Wut hochkocht, können Sie sie versuchen, sich wie von aussen zu beobachten. Was passiert im Körper, im Herzraum, im Bauch? Welche Gedanken habe ich? Darf Wut sein? Wenn nicht, warum nicht?

Wie gehe ich denn mit der Wut meiner Kinder um? Was kann ich tun, wenn ich schon explodiert bin? Woher kommt denn die Wut überhaupt und wie kann ich sie regulieren und angemessen ausdrücken? Fragen Sie sich nun vielleicht. Damit sind Sie nicht allein, deshalb mehr dazu in einem nächsten Artikel oder in meinem Kurs „Tut Wut gut?“.

Mit einem Klick auf den Titel  kannst du den Artikel als PDF downloaden.

Die Krise stresst – nicht das Kind

Blog Selbstfürsorge

Blog Selbstfürsorge

Warum es so wichtig ist, dass wir gut für uns sorgen

Tipps für Deine Selbstfürsorge in stressigen Zeiten. Me-Time ist dann umso wichtiger. So wie Du im Flugzeug zuerst Deine Sauerstoffmaske montierst und dann die für Dein Kind, musst Du auch betreffend Energie zuerst für Dich gut sorgen. Nur so kannst Du gut für Dein Kind da sein.

Von Maya Risch

Wir alle sind von der Coronakrise betroffen und es ist vermutlich für uns alle eine grosse Herausforderung oder gar ein enormer Stress, uns mit der neuen Situation abzufinden und uns darin neu zu organisieren. Die massiven Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit, die zusätzlichen Belastungen wie Homeoffice und Homeschooling, wegfallende Grosseltern oder andere Betreuungsangebote und die Unsicherheit oder Angst vor den kommenden Wochen fordern uns auf verschiedenen Ebenen stark.

Zudem sind wir weiterhin für die Atmosphäre in unserer Familie verantwortlich. Die Kinder sind wie immer – laut, lustig, fordernd, sie streiten sich und wollen unsere Aufmerksamkeit haben. Genau darum ist in diesen Tagen Selbstfürsorge ungemein wichtig.

Mit Selbstfürsorge ist gemeint, dass wir in dieser Krise so handeln müssen wie im Flugzeug, wenn ein Notszenario eintritt. Dort werden wir dazu aufgefordert, zuerst uns selbst die Sauerstoffmaske anzulegen, damit wir handlungsfähig bleiben, und erst dann unsere Kinder mit einer eben solchen zu versehen.

Warum es so wichtig ist,
dass wir Eltern gut für uns sorgen

Wenn wir jetzt nicht gut auf unsere eigenen Bedürfnisse achten und uns nicht kleine Inseln der Ruhe oder Bewegung schaffen, passiert es sehr schnell – meistens am Abend, wenn alle müde sind –, dass wir, weil wir Stress haben, die Kinder anschreien, sie abwerten oder grob werden. Das ist ihnen gegenüber nicht fair, das wissen wir. Denn auch sie erbringen zur Zeit grosse Anpassungsleistungen und verstehen vieles nicht so ganz. Nur nützt uns dieses Wissen nicht viel, wenn unser Energietank leer ist und das Verhalten der Kinder an unseren Nerven zerrt, wie das eben vorkommt – besonders jetzt.

Um am Abend noch über Energiereserven zu verfügen, müssen wir tagsüber gut auf unser Wohlbefinden achten. Einerseits können wir unsere Erwartungen herunterschrauben und uns überlegen, was wir weglassen können. Dabei überlege ich mir jeweils, was passieren würde, wenn diese Erwartung gerade nicht erfüllt würde. Meistens ist die Antwort – eigentlich nichts. Und andererseits können wir uns selber immer mal wieder etwas Raum geben, indem wir für uns zumindest Minipausen schaffen und – wenn möglich – auch eine längere Pause einbauen.

Uns selbst immer wieder etwas Gutes zu tun, hilft dabei, unseren Energietank immer wieder nachzufüllen, sodass wir weniger schnell «ausrasten». So sorgen wir dafür, dass unsere Beziehungen gesund bleiben und wir unseren Krisenstress nicht an den Kindern auslassen.

Wie geht Selbstfürsorge?

Folgende und ähnliche Fragen sollten wir uns regelmässig stellen und nach Antworten darauf suchen. Wie tanke ich auf? Was tut mir gut? Was tut mir nicht gut? Was kann ich Gutes für mich tun, hier in der Wohnung oder rund um den Wohnblock? Wohin kann ich mich zurückziehen? Wie kann ich etwas Raum für mich schaffen? Ich habe z.B. einen bequemen Stuhl in unser Schlafzimmer gestellt, damit ich dort zwischendurch in Ruhe etwas lesen oder telefonieren kann. Als Nächstes will ich mir eine Online-Yogastunde gönnen. Wobei ich das Glück habe, dass meine Kinder schon etwas älter sind und ich sie problemlos für eine Weile alleine lassen kann.

Ideen für die Selbstfürsorge und für achtsame Minipausen im Familienalltag

  • kurz auf den Balkon gehen, den Fokus auf unseren Atem richten und den Frühling einatmen.
  • jeden Morgen den Baum vor dem Fenster betrachten, mit den Augen auf etwas Schönem verweilen – die Veränderung in der Natur wahrnehmen.
  • etwas kochen, das MIR gut schmeckt
  • beobachten, wie viele Nachrichten betreffend Corona ich ertrage, und diese entsprechend dosieren
  • wenn die Kinder spielen, Pause machen, statt alles zu erledigen, was noch zu tun ist
  • den Partner, die Partnerin umarmen
  • den Partner, die Partnerin bei Bedarf um Hilfe bitten (kurze Pause, Unterstützung im Haushalt, Kind im Wutanfall begleiten)
  • Bewegung mit oder ohne Kind einbauen (kurze Atemübung, 10-Liegestützen, 1min Planking, tanzen zu Musik)
  • sich zum Kind auf den Boden legen und strecken
  • ins Auto sitzen und in Ruhe 10 Minuten lesen
  • zwei Minuten länger als nötig auf dem WC sitzen bleiben, ganz allein
  • 30 Minuten lang einen Gehörschutz (Oropax) anziehen
  • 50 Meter in Zeitlupe gehen und dabei jede kleine Bewegung wahrnehmen (achtsames Gehen)
  • Dem Kaffee zuschauen, wie er aus der Maschine fliesst
  • Die Hand aufs Herz legen und die Hand wahrnehmen
  • 5 Minuten aufs Bett legen, durchatmen und nichts tun
  • Den eigenen Körper abklopfen von oben bis unten – so die Körpergrenzen wahrnehmen

Was hindert uns daran, gut für uns selbst zu sorgen?

  • Das Gefühl, keine Zeit dafür zu haben.
  • «Ich muss noch…»
  • Handy und Computer
  • Wir vergessen, dass wir eine Pause machen können und dürfen.
  • Vielleicht erleben wir Pausen als unangenehm, weil dann Unruhe aufkommt, und wir werden von vielen Gedanken überfallen
  • Möglicherweise kommen Fragen auf, was wir wert sind, wenn wir gerade nichts leisten.
  • Manchmal mischen sich vielleicht Stimmen ein, die sagen: “Du bist faul, egoistisch etc.“

Vielleicht sagen Sie jetzt «Mein Kind lässt mich nicht». Dann möchte ich Ihnen Mut machen, sich dafür stark zu machen – für Ihre Pausen. Kinder können lernen, kurz zu warten, 1-5min auf jeden Fall. Vielleicht brauchen sie etwas Übung darin und klare Signale, dass uns die Pause wichtig ist.

Dieser Text von mir ist im März in der Onlinezeitschrift www.familienleben.ch erschienen

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Was willst Du mir sagen?

Stille Wasser sind tief

Botschaften von Kindern verstehen

Botschaften von Kindern zu verstehen ist oft eine Kunst. Unserer Kinder haben jedoch immer einen guten Grund, sich so zu verhalten, wie sie das eben tun.

Von Maya Risch

In der Beratung erzählte mir kürzlich ein Vater, was er auf einer Wanderung erlebt hatte: «Als wir im Bergrestaurant waren, kletterte mein dreijähriger Sohn auf einmal auf den Holztisch und begann, darauf hin- und herzulaufen.» Das machte mich neugierig. Warum stieg dieser Junge auf den Tisch und ging darauf spazieren? Wollte er zeigen, wie gross er schon ist? Wollte er erkunden, wie die Welt von oben aussieht? Oder wollte er einfach seine Eltern provozieren und machte etwas, wovon er wusste, dass er es nicht durfte?

Kinder reagieren auf ihre Umwelt

Kinder haben fast immer einen guten Grund für ihr Verhalten. Sie reagieren damit auf ihre Umwelt. Für uns ist dieses Verhalten zwar manchmal ein Rätsel, es nervt uns oder wir fühlen uns dadurch provoziert. Oder wir finden, wir hätten keine Zeit für diesen «Blödsinn» und wollen, dass das Kind Ruhe gibt und sich anständig benimmt.

Der Vater berichtete weiter, dass er damals gerade einen guten Tag gehabt habe und nicht gleich losschimpfte, sondern fragte: «Was machst du denn da oben? Ich will nicht, dass du mit Schuhen auf dem Tisch herumgehst. Komm runter!» Der dreijährige Knirps antwortete: «Ihr habt mir nicht zugehört!» Aha! Der Kleine wollte mit seiner Aktion also ausdrücken, dass er bereits mehrmals versucht hatte, etwas zu fragen oder zu erzählen, was gerade wichtig für ihn war, die Eltern ihn nicht gehört hatten. Mit seinem Verhalten erhielt er die gewünschte Aufmerksamkeit natürlich schnell.

Der Vater reagierte ruhig: «Ja, das ist wahr, wir haben gerade gar nicht gemerkt, dass du uns etwas sagen wolltest. Danke, dass du uns darauf aufmerksam gemacht hast. Komm runter und ich höre dir zu». Hätte der Vater einen «schlechten» Tag gehabt, wäre er sauer geworden und hätte das Kind vielleicht angeschrien und gemassregelt. So hätte er eine Chance verpasst, die Beziehung zu seinem Sohn zu stärken und wertzuschätzen, dass sein Junge sich schon so klar ausdrücken konnte.

Interesse zeigen und hinterfragen

Für uns Eltern ist es meist schwierig, die versteckten Botschaften unserer Kinder zu verstehen. Insbesondere dann, wenn sich Kinder nicht konform verhalten, Widerstand leisten, Regeln überschreiten oder wir uns sonst irgendwie provoziert fühlen. Aggressives Verhalten von Kindern wird immer durch etwas ausgelöst. Das Kind hat seinen guten Grund, wenn es aggressiv wird, Widerstand leistet oder sich zurückzieht. Mit seinem Verhalten will es uns etwas sagen, was ihm jedoch selber meistens nicht bewusst ist.

Gelingt es uns, das Verhalten des Kindes als Einladung zu sehen, uns dafür zu interessieren, was das Kind bewegt, können wir, wie der Vater im Beispiel, manchmal verstehen, was uns das Kind mitteilen will.

So erkennen Sie versteckte Botschaften

Ihr Kind verhält sich anders als Sie es erwarten? Vielleicht will es Ihnen etwas mitteilen. Diese Botschaften könnten hinter der Aktion stehen:

«Mir geht es gerade nicht so gut, ich weiss mir nicht mehr selber zu helfen. Kann bitte jemand sehen, was mit mir los ist?“

«Ich kann nicht mehr ruhig spielen, ich brauche Bewegung.»

«Ich habe Hunger, Durst, bin müde. Ich brauche essen, trinken, schlafen.»

«Mir fehlt die Nähe zu euch, ich fühle mich alleingelassen und unverstanden. Ihr habt so viel zu tun mit dem Baby, der Arbeit, dem kranken Opa, …»

«Ich habe zu wenig Selbstbestimmung, kann nicht mitbestimmen. Nichts darf ich. Immer sagt ihr Nein.»

«Ihr kommt mir zu nahe. So fühle ich mich nicht wohl.»

«Ihr vertraut mir nicht. Nichts darf ich selber machen. Ich brauche mehr Vertrauen.»

«Ihr sagt nie Nein, ich fühle mich orientierungslos.»

Lange Zeit dachte ich, dass Kinder sagen können, was ihnen nicht passt und was sie brauchen, so wie der kleine Junge im Beispiel am Anfang. Dass dies eine Ausnahme ist, lernte ich von meinem Sohn, als er etwa 10 Jahr alt war. 

Auch ältere Kinder senden Botschaften

Eine Zeit lang entstand bei uns zu Hause an praktisch jedem Abend beim Zähne putzen und ins Bett bringen schlechte Stimmung und Streit. Mein älterer Sohn war gereizt und ärgerte seinen Bruder. Es begann mit einem Necken, dann folgte ein Abwerten, Schubsen – und so ging es weiter. Der Jüngere liess sich das nicht gefallen und wehrte sich, wurde laut und grob. Ich hielt den Lärm und die Spannung nicht aus und wurde auch laut. Nach einigen Tagen kam mir in den Sinn, dass mir mein älterer Sohn vielleicht etwas mitteilen wollte. Aber ich kam einfach nicht drauf, was dies sein könnte.

Einige Abende später reagierte ich etwas genervt aus dem Bauch heraus: «Ich verstehe einfach nicht, was los ist am Abend. Jeder Abend endet im Streit. Willst du vielleicht, dass ich dich, meinen älteren Sohn, wieder einmal zuerst ins Bett begleite?» Zu meiner grossen Überraschung antwortete er mit einem einfachen «Ja». Einen Moment lang war ich sprachlos über diese unerwartet klare Antwort, dann sagte ich: «Aha, dann sag mir das doch, das mache ich gern. Es wäre so viel einfacher für mich und uns alle, wenn du uns sagen würdest, was dich stresst.» Darauf erwiderte er: «Wenn ich das gekonnt hätte, hätte ich es ja gemacht.»

An diesem Abend wurde mir klar, dass ich die Fähigkeit von Kindern, ihre Bedürfnisse zu äussern, überschätzte. Ich realisierte, dass dies auch für ältere Kinder gilt, die sich sonst sprachlich sehr gut ausdrücken können.

Ist es nicht so, dass auch wir Erwachsenen nicht immer wissen, warum wir genervt, traurig oder aggressiv sind und was wir brauchen, damit es uns besser geht? Oft fehlen doch auch uns die passenden Worte oder wir wagen nicht, sie auszusprechen. Ist es da erstaunlich, dass dies Kindern noch viel schwerer fällt?

Dieser Text von mir ist im Januar 2020 in der Onlinezeitschrift www.familienleben.ch erschienen

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Nein sagen und gelassen bleiben

Nein sagen und gelassen bleiben

Wenn wir Nein sagen, kämpfen und wüten Kinder oft. Wie wir gelassen bleiben können und uns zu beruhigen anstatt das Kind, beschreibt dieser Artikel.

Dieser Artikel von mir ist im Oktober 2019 in der Onlinezeitschrift www.familienleben.ch erschienen.

Von Maya Risch

Immer wieder müssen wir als Eltern Grenzen ziehen. Sei es, weil unsere persönliche Grenze erreicht ist, weil wir das Kind vor einer Gefahr schützen müssen oder weil Kinder noch nicht wissen, was sie brauchen.

Das bedeutet, dass wir immer mal wieder «Nein» sagen müssen. Die Reaktionen und Konflikte auszuhalten, die durch ein «Nein» ausgelöst werden, finde ich oft anstrengend.

 Weshalb Konflikte zum Familienalltag gehören

«Mama, kann ich ein Glacé haben?», fragt mein Sohn mich oft, denn er liebt Glacé. «Nein, du darfst jetzt kein Glacé haben, Du hattest bereits ein Dessert. Morgen gehen wir in den Zoo, dann kannst du mich nochmals fragen.»

Was ich jetzt am liebsten hören würde, wäre eine Antwort wie: »Alles klar, dann freue ich mich auf morgen.» oder mindestens ein «Ok.» Leider passiert das höchst selten, denn gesunde Kinder stehen für ihren Wunsch ein und sie müssen mit unserem «Nein» nicht einverstanden sein. Ihr Wunsch prallt auf unser «Nein» und ein Konflikt entsteht.

Diese Konflikte gehören zum Familienalltag wie Ketchup zu Pommes. Da ich harmoniebedürftig bin, hatte ich früher eine Abneigung gegenüber Konflikten. Ein Konflikt entsteht aber bereits, wenn ich etwas anderes will als mein Gegenüber. Das kommt in jeder Beziehung regelmässig vor. Erst seit ich dies verstanden habe, kann ich Konflikte als natürlichen Bestandteil des Zusammenlebens akzeptieren und sehe nicht mehr in jedem Konflikt sofort ein bedrohliches Problem. Entscheidend ist, wie wir mit solchen Konflikten umgehen, ohne destruktiv zu werden, also ohne das Kind zu beleidigen und abzuwerten oder anzubrüllen.

Wenn Eltern «Nein» sagen, steht das Kind für ein «Ja» ein

Wenn ich «Nein» sage, beginnt mein Kind, besonders wenn es so zwischen 2 und 6 Jahren alt ist, zu schreien und zu wüten. Es will ein «Ja» der Eltern erreichen und das ist gesund.

Viele Eltern entscheiden sich heute gegen den Gehorsam als oberstes Gebot in der Erziehung. Sie halten stattdessen Werte wie Gleichwürdigkeit und den Schutz der Integrität hoch. Sie nehmen die Gefühle ihrer Kinder ernst, und die Kinder haben keine Angst, ihre Gefühle klar zu zeigen. Darum drücken diese Kinder auch ihre Frustration meistens lautstärker aus als Kinder, die Angst haben, bestraft zu werden, wenn sie nicht sofort ruhig sind.

Vielfach erleben wir die Gefühlsausbrüche unseres Kindes als Kampf gegen uns und oft auch als Provokation. Dabei geht es dem Kind nicht darum, gegen uns zu kämpfen, sondern es steht einfach für sich ein. Es ist frustriert, weil es nicht bekommt, was es will. Es kämpft, damit wir endlich «Ja» sagen und es doch noch ein Glacé bekommt und das ist völlig in Ordnung. Für uns ist das allerdings meistens schwierig auszuhalten.

Warum Kinder wüten und weinen

Merkt das Kind dann, dass wir Eltern (wenn möglich ruhig und entspannt) bei unserem Entscheid bleiben, weint es in vielen Fällen darüber. «Ach nein, jetzt versucht es seinen Wunsch noch mit dem Druck auf die Tränendrüse durchzusetzen», denken einige an dieser Stelle vielleicht. Das Kind weint jedoch, weil es gerade einen Verlust erlitten hat. Es ist traurig, dass es nicht erhalten kann, was es sich gerade so sehr wünscht.

Halten wir auch das aus, was uns oft noch schwerer fällt, beruhigt sich das Kind und eine tiefe Ruhe kann einkehren. Diese Selbstregulation, den Prozess, der im Körper während des Wütens und Weinens abläuft, bis zum Ende durchleben zu können, ist essentiell für die Entwicklung von Frustrationstoleranz.

Diese Zusammenhänge zu verstehen ist hilfreich, denn so müssen wir das Schreien, Weinen und Wüten nicht persönlich nehmen und wissen, dass wir nichts falsch machen, wenn wir «Nein» sagen. Trotzdem bleibt es schwierig, den Stress auszuhalten, den das Verhalten des Kindes in uns auslöst.

Das Kind braucht unsere Nähe und unseren Trost

Damit dieser Stress möglichst rasch wieder verebbt, versuchen wir, das Kind zu beruhigen, zu beschwichtigen und zu trösten, wenn es wütend oder traurig ist.

Der oben erwähnte Prozess ist für das Kind zwar anstrengend, aber im Allgemeinen kommt es gut klar damit.

Wir Eltern sind es, die viel mehr Schwierigkeiten damit haben, und darum ist allen besser gedient, wenn wir versuchen, uns darum zu kümmern, uns selber zu regulieren, damit wir für das Kind auch danach wieder präsent sein zu können, wenn es im Anschluss Nähe und Trost sucht.

Wie kann uns das gelingen?

Hier einige Tipps, die auch von Eltern in meinen Kursen geäussert wurden:

  • Den Gefühlen des Kindes Worte geben, indem ich etwa sage: «Ich sehe, dass du wütend bist darüber, dass ich Nein gesagt habe, das ist in Ordnung.»
  • Dem Kaffee zuschauen, wie er ganz langsam aus der Maschine fliesst.
  • Mich auf meinen Atem konzentrieren und durchatmen.
  • Die Aufmerksamkeit auf die Füsse richten und den Boden unter den Füssen wahrnehmen.
  • Sich bewegen, hüpfen, stampfen, klatschen, um nicht zu explodieren.
  • Das Gesicht mit kaltem Wasser waschen.
  • Putzen, staubsaugen, aufräumen oder Geschirr waschen.
  • Dem Kind sagen: «Dein Schreien ist zu laut für meine Ohren und macht mich unruhig. Ich muss mich kurz selber beruhigen und gehe kurz raus auf den Balkon und komme gleich wieder.»

Abstand zur Situation gewinnen

Distanz schaffen ist sinnvoll. Allerdings ist es wichtig, dass wir dem Kind ruhig sagen, warum wir weggehen: «Hör mal, ich halte es nicht mehr aus, dass du so schreist, ich muss mich selber beruhigen und komme gleich wieder.» Sagen wir nichts, erlebt das Kind unser Handeln als Bestrafung oder Kontaktabbruch, und dieser macht kleinen Kindern oft Angst oder das Kind fühlt sich falsch.

Wenn wir es schaffen, uns selber zu regulieren, hilft das auch unserem Kind. Es spürt, wie wir ruhig werden und kann zusammen mit uns wieder runterfahren, als würde es mit uns in einen Lift einsteigen und hinunterfahren. Dies wird auch Co-regulation genannt. Kleine Kinder brauchen das – manche grössere auch –, weil sie sich alleine noch nicht gut regulieren können.

Was hilft Ihnen am besten, sich selber zu regulieren? Trauen Sie sich, damit zu experimentieren!

Erzählen Sie dann Ihrem Kind in einem ruhigen Moment davon, was Ihnen hilft, sich zu beruhigen. So bekommt es Ideen für sich selber und lernt Selbstregulation.

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„Tut Wut gut?“ Umgang mit Wut und Aggression

"Tut Wut gut?" Umgang mit Aggression, www.mayarisch.ch
"Tut Wut gut?" Umgang mit Aggression, www.mayarisch.ch
wütendes kleines kind

„Tut Wut gut?“
U
mgang mit Wut und Aggression

In vielen Familien stellt der Umgang mit Wut und Aggression von Kindern eine grosse Herausforderung dar. Jesper Juul hat meiner Meinung nach eine interessante Sicht zu diesem Thema zu bieten.

Unsere aggressiven Emotionen werden oft dann mobilisiert, wenn wir uns nicht als so wertvoll für einen anderen Menschen empfinden, wie wir es gerne wären oder wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt werden.

Was denkt ihr? „Tut Wut gut?“
„Hmm , also wenn mein Kind wütend ist, schreit und tobt, dann tut mir das nicht gut, es stresst mich, macht mich oft hilflos, weil ich nicht weiss, wie ich damit umgehen soll“, sagt meine Freundin, als ich ihr die entsprechende Frage stelle. Und was sagt ihr Sohn? „Ja, mir tut es gut, wütend zu sein, Dampf abzulassen. Wenn ich ganz laut schreie und wüte, bin ich nachher irgendwie leichter und ruhiger,“ antwortet der Junge, als ich ihn frage.

Wie begegnest Du deinem Kind, wenn es „geladen“, aggressiv nach Hause kommt? Wie drückst Du deinen Unmut aus, wenn du dich ärgerst und wie geht es dir dabei?

Wenn du wissen willst, wozu Aggression gut ist, wie Du mit Wutanfällen Deines Kindes umgehen kannst und Deine Erfahrungen mit anderen Eltern austauschen möchtest, biete ich Dir untenstehenden Workshop an.

So haben Teilnehmende den Workshop erlebt


Nächste Workshops „Tut Wut gut?“

Donnerstag, 24.11.2022 und Donnerstag, 8.12.20.22
2×2 Std. online an zwei Abenden

28. Januar 2023,, 8.30 – 12.30 Uhr
4 Stunden vor Ort in Zürich-Oerlikon

 Auf dem Laufenden bleiben und weitere Kursdaten direkt zugeschickt bekommen

Weil wir glauben oder erlebt haben, dass Aggression zu Gewalt führt oder weil wir andere schmerzhafte Erfahrungen mit dem Ausdrücken von Wut gemacht haben, lassen wir sie nur ungern zu und tun uns schwer damit, einen adäquaten Umgang mit der Wut unserer Kinder und unserer eigenen Aggression zu finden.

An diesem Workshop erhältst Du Anregungen dafür wie Du gelassener auf die Wutausbrüche Deines Kindes reagieren kannst. Wir beschäftigen uns damit, welche wichtigen Aufgaben die Wut im menschlichen Dasein erfüllt.  Ich vermittle Wissen und wir setzen uns in der Gruppe mit folgenden Fragen auseinander:

  • Wie können wir der Wut unserer Kinder konstruktiv begegnen?
  • Welche Strategien haben wir Erwachsenen, unsere Gefühle zu regulieren?
  • Wie geht es uns, wenn wir wütend sind?
  • Was steckt hinter der Aggression?
  • Was zeigt sie uns?
  • Wozu ist Wut gut?

Fachlicher Input und Austausch, neue Impulse und Reflexion sind Teil dieses Workshops.
Am ersten Abend erhaltet ihr vor allem Wissen und Informationen zum Thema und wir setzen uns mit unserer eigenen Wut und Strategien zur Regulierung auseinander. Der Umgang mit der Wut der Kinder sowie Eure Fragen und persönlichen Situationen, für die ihr neue Wege sucht, stehen am zeiten Abend im Zentrum.

Für Eltern, Grosseltern und weitere Interessierte

Kosten: Fr. 100.-/Person, Paar Fr. 180.-
Anmeldung: kontakt@mayarisch.ch

Wenn Du lieber den Umgang mit diesem wichtigen Thema lieber in einem individuellen Gespräch besprechen willst, dann begleite ich Dich gern im Rahmen einer Beratung dabei. Dies ist Online möglich oder in meiner Praxis am Rosmarinweg 3, 8057 Zürich.

Wut ist eine Kraft

Jesper Juul, Artikel zu Aggression

Buchtipp: Jesper Juul, Aggression, erhältlich im Onlineshop von familylab.ch

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