Ich will aber

Ich will aber - Selbstwertgefühl stärken, Starke Kinder

„Ich will aber“ – Wie Kinder lernen, ihre Bedürfnisse zu erkennen

Kinder haben sowohl Wünsche als auch Bedürfnisse. Ersteres müssen wir nicht immer erfüllen. Wie lassen sich diese beiden Dinge unterscheiden? Wie gehen wir damit um, wenn das Kind sagt: „Ich will aber.“

Dieser Text von mir ist im November 2019 in der Onlinezeitschrift www.familienleben.ch erschienen

Kinder wünschen sich viel Spielzeug, doch Zuwendung der Eltern, etwa in Form gemeinsamer Aktivitäten, brauchen sie wirklich.

Von Maya Risch

Kinder wollen Weihnachtsgeschenke, Glace, Süssigkeiten, ins Schwimmbad gehen, ein eigenes Handy, fernsehen und vieles mehr. Kinder wissen sehr genau, was sie wollen, setzen sich dafür ein, und kämpfen dafür. Sie wissen jedoch oft noch nicht, was sie wirklich brauchen, nämlich Nähe, Schlaf, Selbstwirksamkeit, Beziehung, Kontakt, sich wertvoll fühlen für die Gemeinschaft, Liebe, Sicherheit, Orientierung.

Deshalb haben sie uns Eltern. Wir müssen ihnen helfen, das eine vom anderen zu unterscheiden. Was Kinder wollen, sind Wünsche, bei dem, was sie brauchen, geht es um ihre Bedürfnisse. Diese können sie meistens noch nicht in Worte fassen, deshalb sind diese zum Teil unter Wünschen versteckt oder werden verwechselt.

Kinder müssen erst lernen, ihre Bedürfnisse zu erkennen

Als mein Sohn ungefähr 5 Jahre alt war, wollte er abends regelmässig beim ins Bett gehen plötzlich nochmal etwas essen, weil er Hunger hatte. Das erstaunte mich, weil er doch gerade kurz vorher ausgiebig zu Abend gegessen hatte und satt sein musste. In dieser Phase wollte er auch tagsüber immer mal wieder etwas essen, und zwar immer dann, wenn er sich schwach fühlte und keine Kraft zum Spielen mehr hatte.

Erst nach längerer Zeit erkannte ich, dass er sein Bedürfnis nach Schlaf nicht von jenem des Hungers unterscheiden konnte, weil beides das Gefühl von Kraftlosigkeit mit sich brachte. Als ich ihm Worte für dieses Gefühl gab und er verstand, dass auch Schlaf frische Energie gibt, erweiterte sich nicht nur sein Wortschatz, sondern er lernte auch, das eine Bedürfnis vom anderen zu unterscheiden.

Wenn wir Kindern Worte geben für das, was sie tun und benennen, was sie gerade erleben, lernen sich die Kinder immer besser kennen. So tragen wir viel dazu bei, dass sie ihre Bedürfnisse immer klarer ausdrücken können.

Weihnachten ist die Zeit vieler Wünsche

Bald ist Weihnachten. Da wünschen sich die Kinder besonders viel; Spielsachen, Süssigkeiten, elektronische Geräte und mehr. Dass das Kind Wünsche äussert, ist vollkommen in Ordnung. Das Christkind freut sich über die Wünsche, wir Eltern meistens weniger, vor allem dann nicht, wenn sie plötzlich mitten im Geschäft geäussert werden und sofort erfüllt werden sollen. Das macht uns Stress, weil wir glauben, uns schnell für «Ja» oder «Nein» entscheiden zu müssen.

Dabei braucht das Kind in erster Linie, dass wir ihm zuhören und uns dafür interessieren, was es sich wünscht. «Was findest du so faszinierend an der Zuckerwattemaschine?» «Ach so, dir gefällt, dass du damit selber etwas herstellen kannst», «Was gefällt dir denn so gut am neuen Playmobilhaus?», «Ich wusste gar nicht, dass du so gern eines haben möchtest, um mit deiner Freundin damit Krankenhausgeschichten zu spielen.»

Weil wir schon ein auf dem Boden liegendes, schreiendes Kind vor unserem inneren Auge sehen oder denken, keine Zeit zu haben, geraten wir oft sehr schnell in eine Abwehrhaltung und verpassen damit eine Chance für einen Dialog. Und damit eine Gelegenheit, mit dem Kind in Beziehung zu sein und etwas darüber zu erfahren, was unserem Kind so gefällt, und was ihm etwas bedeutet.

Denn das Kind will immer beides, die Zuckerwattemaschine bekommen und Kontakt mit uns haben. Lassen wir uns auf seinen Wunsch ein und hören ihm zu, erfüllen wir sein Bedürfnis nach Kontakt und emotionaler Nähe, auch wenn wir nachher sagen: «Nein, ich kaufe das Playmobilhaus jetzt nicht.»

Wünsche können und müssen nicht immer erfüllt werden

Dass wir uns dafür interessieren was dem Kind an der Zuckerwattemaschine gefällt, bedeutet nämlich nicht, dass wir ihm diese kaufen müssen. Bestimmt haben Sie auch schon erlebt, dass es so ist, dass ein erfüllter Wunsch das Kind zwar kurzfristig «glücklich» macht, die Zufriedenheit aber meist nicht lange anhält.

Denn das Playmobilhaus zu bekommen, trägt nichts dazu bei, sich geliebt  und als wertvoller Teil der Gemeinschaft zu fühlen. Und das strebt das Kind eigentlich an. Wie ist es denn bei uns, wenn wir uns ein neues Paar Schuhe leisten, das wir uns gewünscht haben? Kann dies unser Bedürfnis nach Wertschätzung für unser Engagement in der Familie ersetzen?

Auch Eltern haben Bedürfnisse

Das Wohlbefinden und die Kooperationsbereitschaft der Kinder hängt in den ersten Lebensjahren stark davon ab, ob ihre Bedürfnisse wahrgenommen und zeitnah erfüllt werden. In der ersten Lebensphase unserer Kinder müssen wir Eltern unsere eignen Bedürfnisse immer wieder sehr zurückstellen, jene der Kinder stehen im Zentrum.

Kinder brauchen Hilfe beim Einschlafen, dabei sich zu regulieren, wenn sie aufgeregt oder wütend sind, sie brauchen Nahrung, Zeit mit uns Eltern, ohne dass wir dabei auf unser Handy schauen, sie brauchen Kontakt, Zuwendung und Nähe, und sie brauchen Erwachsene, die ihnen die Welt erklären.

Auf lange Sicht können wir allerdings nur dann gut für unser Kind sorgen, wenn wir auch unsere eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen verlieren. Im Verlauf der Jahre können die Kinder lernen, ihre Bedürfnisse auch mal kurz aufzuschieben, und wir können und sollen unsere eigenen Bedürfnisse wieder vermehrt wahrnehmen und auch mal in den Vordergrund stellen.

So sorgen wir dafür, dass sich unser Energietank wieder füllt und übernehmen die Verantwortung für unser Wohlbefinden. Das Kind lernt am Vorbild, dass auch wir Bedürfnisse haben und erhält eine Idee davon, wie Selbstfürsorge und Eigenverantwortung aussehen können.

Ich wünsche allen viel Erfolg dabei, Wünsche von Bedürfnissen zu unterscheiden und dass es immer wieder gelingt, «JA» zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zu sagen.

Mit einem Klick auf den Titel kannst Du den Arikel als PDF dowloaden.

Mut zu persönlichen Grenzen

Mut zu persönlichen Grenzen

An manchen Tagen können Eltern Kinderlärm nur schwer ertragen. Vielleicht ist es an der Zeit, eine persönliche Grenze zu formulieren?

Von Maya Risch

Kinder brauchen Grenzen! Kinder brauchen Freiheit, um sich gesund zu entwickeln! Zwei widersprüchliche Sätze, die wir Eltern immer wieder zu hören und zu lesen bekommen. Wie sollen wir mit diesem Widerspruch umgehen? Setze ich meinem Kind zu wenig Grenzen? Wird es so zu einem unsozialen Menschen heranwachsen, der nicht gelernt hat, andere zu respektieren? Schränke ich mein Kind zu stark ein? Behindere ich seine Entwicklung und mein Kind entwickelt sich zu einem unsicheren Erwachsenen? Solche und ähnliche Fragen stellen sich Eltern immer wieder.

Kinder sollen auf jeden Fall ihre eigenen Grenzen erfahren und diese, ihre Fähigkeiten und Grenzen, ausweiten dürfen. Sie brauchen zudem Erwachsene, die klare persönliche Grenzen ziehen.

Grenzen so zu erfahren, gibt Orientierung und Sicherheit. Impulskontrolle und Frustrationstoleranz können sich entwickeln.

Kinder erfahren eigene Grenzen und stossen an unsere Grenzen

Kinder wachsen und entwickeln sich. Sie entdecken die Welt, erobern Räume und erweitern ihren Aktionsradius laufend. Dabei erleben sie einerseits immer wieder Erfolge, andererseits, dass sie an ihre eigenen Grenzen stossen, zum Beispiel wenn sie als Einjährige versuchen zu laufen und umfallen oder später den Reissverschluss selber zuzumachen versuchen und das nicht auf Anhieb klappt – oder wenn sie auf einen Baum klettern wollen und den Ast noch nicht erreichen können.

Es ist nicht die Aufgabe des Kindes, unsere Grenzen zu spüren, sondern es ist unsere Aufgabe, diese klar und deutlich erkennbar zu machen.

Wenn wir die Kinder ermutigen, Erfahrungen zu machen, sie selber Lösungen suchen lassen, ohne gleich helfend einzuschreiten, tragen wir viel zu einer gesunden Entwicklung ihrer Frustrationstoleranz und Selbstwirksamkeit bei. Gleichzeitig erfahren und erleben Kinder hier Grenzen; Limits, die sich auf Grund ihres eigenen Könnens und Lernens natürlich ergeben. Diese Grenzen dürfen sie erweitern. Die Überwindung derselben führt letztendlich oft zu Erfolgserlebnissen und so zur Stärkung ihres Selbstvertrauens.

Kinder erleben auch Einschränkungen, wenn sie an die Grenze von uns Eltern stossen. Dann sagen wir als Eltern oft: «Ich komme an meine Grenze mit meinem Kind» und meinen damit, dass ihre persönliche Grenze erreicht ist. Das ist gut und zeigt uns Eltern, dass der Moment gekommen ist, dem Kind diese, unsere Grenze deutlich zu machen. Häufig denken wir in solchen Momenten, dass das Kind doch selber merken sollte, dass jetzt genug ist. Das kann und tut es aber in der Regel nicht. Es ist nicht die Aufgabe des Kindes, unsere Grenzen zu spüren, sondern es ist unsere Aufgabe, diese klar und deutlich erkennbar zu machen.

Unterschied zwischen Regeln und persönlichen Grenzen

Menschliche Gesellschaften brauchen soziale Regeln, Gebote und Verbote wie z.B. Verkehrsregeln oder das Verbot zu stehlen. Auch Familien brauchen ein paar wenige Regeln und Verbote. Diese Regeln sind allgemeine, unpersönliche Grenzen.

Allgemeine Grenzen sind starr. Kinder erleben diese Art von Grenzen oft als willkürliche Einschränkung ihrer Freiheit. Gesunde Kinder von heute nehmen diese Einschränkung selten einfach so hin, sondern rebellieren dagegen. So entstehen anstrengende Machtkämpfe, bei denen beide Seiten viel Energie verlieren und die einer guten Beziehung im Weg stehen. Deshalb ist es wichtig, nur so viele dieser Regeln aufzustellen, wie wir wirklich als dringend nötig erachten. Drei bis vier reichen aus.

Natürlicherweise dehnen Kinder ihre Aktivitäten so weit aus, leben so weit nach ihren Vorstellungen, bis sie an unsere Grenzen stossen, oder an die Grenzen einer sozialen Gruppe oder eines anderen Gegenübers.

Diese Grenzen sind persönlich, von Person zu Person anders. Nicht nur, weil sie von Mensch zu Mensch variieren, sondern auch weil sie von Tag zu Tag unterschiedlich sein können. Wir haben nicht jeden Tag gleich viel Energie und Geduld, uns mit unseren Kindern zu beschäftigen und z.B. Lärm auszuhalten. Entscheidend ist nun, dass wir diese Grenzen ehrlich als das kommunizieren, was sie sind, nämlich unsere persönliche Grenze im Hier-und-Jetzt.

Persönliche Grenzen – versus allgemeine Grenzen und Regeln

Im folgenden Beispiel zeige ich, wie wir mit allgemeinen oder persönlichen Grenzen auf ein Verhalten reagieren können.

Wenn mein Sohn alle Pfannen und Kochlöffel aus dem Küchenschrank hervorholt, um damit laut Musik zu machen, stört mich das heute vielleicht, da ich müde oder lärmempfindlich bin. Nun kann ich mich entscheiden. Will ich ein Verbot (starre Grenze) aussprechen? «Mit Pfannen spielt man nicht.» «Das Musikmachen mit Pfannen ist verboten.» Hier wird das Verhalten des Kindes eingeschränkt und das Kind ist aufgefordert, das Verbot ernst zu nehmen. Wenn ich die Grenze auch noch in einem scharfen Ton (schimpfend) aufstelle, fühlt sich das Kind ausserdem falsch mit seiner Idee, mit Pfannen musizieren zu wollen.

Bei einer persönlichen Grenze lernt das Kind etwas darüber, was mir wichtig ist, wie es mir gerade geht und lernt MICH ernst zu nehmen anstelle einer starren Grenze oder eines Verbots.

Ziehe ich eine persönliche Grenzen? Dann kann ich zum Beispiel zu meinem Kind sagen: »Nein, ich will nicht, dass du jetzt hier mit den Pfannen musizierst. Ich ertrage das gerade jetzt nicht, mir ist es zu laut.» «Du darfst gern in deinem Zimmer weitermachen. Ich sehe, dass dir das Spass macht.» oder «Diese Pfanne ist mir sehr wichtig, ich will nicht, dass du damit spielst.» So lernt das Kind etwas darüber, was mir wichtig ist, wie es mir gerade geht und lernt MICH ernst zu nehmen anstelle einer starren Grenze oder eines Verbots.

Beim Ziehen persönlicher Grenzen geht es darum, dass ich mich als Mutter/Vater in einer persönlichen Sprache klar auszudrücken, was, MIR gerade jetzt zu viel ist, wo ich gerade jetzt an meine Grenzen komme und was ICH WILL oder NICHT WILL. Hilfreich ist es, dem Kind gleichzeitig zu zeigen, dass ich seinen Wunsch oder das Bedürfnis gehört, wahrgenommen habe. Sein Verhalten und was es will ist ja nicht falsch.

Persönliche Grenzen zu ziehen braucht Mut und Klarheit

Wir können uns nicht hinter Allgemeinplätzen oder unserer Rolle als Elternteil verstecken, sondern müssen Farbe bekennen. Und das fällt uns im Allgemeinen viel schwerer, als uns lieb ist.

Wenn Kinder erleben, dass ihre Grenzen wahrgenommen und respektiert werden, sind sie viel öfter bereit, uns und unsere Grenzen ebenfalls ernst zu nehmen.

Manchmal überschreiten Kinder unsere Grenzen. Sie tun das meistens, weil sie unsere Grenzen (noch) nicht kennen oder nicht klar wahrnehmen – und nicht, um uns zu provozieren oder zu ärgern. Sie stehen für sich und ihre Wünsche und Bedürfnisse ein und wollen dabei herausfinden, was uns wirklich wichtig ist und was wir wirklich nicht wollen. Ihre Bedürfnisse oder Wünsche prallen auf unsere, ein gesunder Konflikt entsteht. Darüber, wie wir damit umgehen können, ein andermal mehr.

Im Zusammenhang mit Grenzen dürfen wir nicht vergessen, dass auch unsere Kinder persönliche Grenzen haben. Sie zeigen schon früh, ob ihnen körperliche Nähe angenehm ist oder ob sie genug gegessen haben, ob sie Ruhe brauchen oder nicht länger allein sein mögen. Hier sind es wir Erwachsenen, die lernen müssen die Grenzen der Kinder wahr- und ernstzunehmen.

Wenn Kinder erleben, dass ihre Grenzen wahrgenommen und respektiert werden, steigt ihre Kooperationsbereitschaft und sie sind viel öfter bereit, uns und unsere Grenzen ebenfalls ernst zu nehmen.

Einladung zur Selbstreflexion

Wie gut achten Sie auf Ihre Grenzen bezüglich Energie und Müdigkeit? Wie oft nehmen Sie Ihre Grenzen zu spät war und sorgen zu wenig für sich? Kommt es dann vor, dass Sie unbeherrscht auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder reagieren? Wie ernst nehmen Sie die Grenzen Ihres Kindes?

Buchtipps:
Rolf Sellin, «Bis hierher und nicht weiter!»: Wie Sie sich zentrieren, Grenzen setzen und gut für sich sorgen.

Jesper Juul, «Nein aus Liebe» Klare Eltern – starke Kinder

Im September 2019 ist dieser Artkel von mir in der Onlinezeitschrift www.familienleben.ch erschienen.

Mit einem Klick auf den Titel kannst Du den Artikel als PDF downloaden.

Warum macht mein Kind nicht das was ich will?

Warum macht mein Kind nicht das was ich will?

Kinder wollen mit uns zusammenarbeiten und geliebt werden. Sie sind abhängig von uns und befinden sich immer wieder im Spannungsfeld zwischen Integrität und Kooperation. Sollen sie sich anpassen oder für sich einstehen?

Eltern und Kinder sprechen manchmal unterschiedliche Sprachen. Das provoziert Missverständnisse. Bild: cosmaa, iStock, getty Images Plus

Von Maya Risch

Mein Kind macht nicht das, was ich ihm sage!», höre ich Eltern in meinen Beratungen oft klagen. Ist dem wirklich so? Oder machen unsere Kinder vielleicht ganz oft, was wir ihnen sagen, aber wir achten uns erst dann darauf, wenn sie es nicht mehr tun?

Die Familie ist eine Gemeinschaft und Kinder sind soziale Wesen. Ihnen ist es wichtig, als wertvoller Teil dieser Gemeinschaft wahrgenommen zu werden. Deshalb ahmen sie uns nach und versuchen, sich unseren Vorstellungen anzupassen, mit uns zu kooperieren. Sie geben meistens ihr Bestes, um Anerkennung und Liebe von uns zu bekommen und sich als Menschen angenommen zu fühlen.

Gemeinschaft und Individualität

Auf der anderen Seite sind Kinder – wie auch wir Erwachsenen – Individuen mit einer eigenen Integrität. Damit ist gemeint, dass Kinder eigene Bedürfnisse und Grenzen haben, eine eigene Persönlichkeit, ebenso wie Eigenarten, Stärken und Schwächen.

Kinder, wie auch Erwachsene streben einerseits Zugehörigkeit zur Gemeinschaft an und wollen andererseits ihre Individualität leben. Das bringt uns alle immer wieder in einen inneren Konflikt.

Kinder bringen von Geburt an enorm viel Bereitschaft zur Kooperation mit. Das geht so weit, dass sie sich zum Teil in der Schule, im Kindergarten oder in der Tagesbetreuung weit über ihr Wohlbefinden hinaus anpassen. Sie sind den ganzen Tag oft freundlich, gehorsam, warten geduldig, halten sich an die Regeln, strengen sich an und halten Frustrationen aus. Kommen sie nach Hause, ist ihre Kooperationsbereitschaft aufgebraucht.

Warum Kinder schreien, jammern, verweigern

Da reicht eine Aussage wie «Häng deine Jacke auf!» oder «Mach deine Hausaufgaben!» und sie beginnen zu schreien, zu jammern oder alles zu verweigern. Leider sagt kaum ein Kind stattdessen: «Mami, Papi, ich kann nicht mehr, ich brauche jetzt einfach Zeit und Raum für mich und meine eigenen Bedürfnisse.» Aber genau darum geht es.

Weil sie dies verbal nicht ausdrücken können – Erwachsene übrigens häufig auch nicht –, setzen die Kinder ihre Grenzen lauthals. Sie versuchen auf diese Art, in ihr inneres Gleichgewicht zurückfinden. Meistens schaffen sie das aber nicht alleine, sondern brauchen unsere Hilfe, die in erster Linie darin besteht, ihr Verhalten nicht persönlich zu nehmen, sondern die Signale zu erkennen, die sie uns mit ihrem widerspenstigen Verhalten zu senden versuchen.

Erst in folgender Konfliktsituation mit meinem Sohn wurde mir richtig bewusst, dass ich diesen inneren Konflikt zwischen Kooperationsbereitschaft und Integrität bis zu diesem Zeitpunkt nur der Spur nach verstanden hatte:

«Endlich konnte ich seine Not erkennen»

Ein Morgen, mitten im Schuljahr. Unser Sohn stand fertig angezogen unter der Wohnungstür, weinte und sagte, er könne nicht in die Schule, weil er Bauchweh habe – eine regelmässig wiederkehrende Situation. «Nun bloss nicht nachgeben, sonst hört das nie auf», dachte ich. Ich drängte ihn, trotz seinem Unwohlsein loszugehen und sagte: «Schule ist deine Aufgabe, du musst trotzdem hingehen.» 

Als er mir dann unter Tränen verzweifelt sagte: «Das habe ich doch versucht. Siehst du denn nicht, dass ich schon so weit gegangen bin wie ich konnte, sonst wäre ich ja im Pyjama geblieben – ich kann nicht mehr weiter als bis hierher.» In dem Moment verstand ich endlich, was genau damit gemeint ist, dass Kinder kooperieren, so lange sie können und zum Teil darüber hinaus, zum Beispiel bis sie Bauchweh bekommen.

Endlich konnte ich seine Not erkennen, und die Schulpflicht wurde zweitrangig. Wir hatten einen sehr schönen, gemeinsamen Vormittag zu Hause, der unserer Beziehung extrem guttat. Ich spürte enorme Dankbarkeit auf seiner Seite, dass ich auf sein Dilemma reagiert und ihn dabei unterstützt hatte, das zu tun, was für ihn nötig war, um sein emotionales und physisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Dass das gelang, zeigte sich unter anderem darin, dass die Bauchschmerzen verschwanden, er am Nachmittag problemlos zur Schule ging und in den nächsten Tagen sehr gelöst war und sich kooperativ verhielt.

Meine Reaktion führte auch nicht wie anfangs befürchtet dazu, dass sich diese „Bauchwehsituationen“ gehäuft hätten. Im Gegenteil, sie nahmen ab diesem Moment deutlich ab.

Den Selbstwert unserer Kinder stärken

Wenn wir die Signale als solche erkennen und darauf mit Empathie, Vertrauen und Verständnis reagieren, dann unterstützen wir unsere Kinder darin, ihr Gleichgewicht wiederzufinden und stärken ihren Selbstwert.

Leider ist das viel einfacher gesagt als getan. Das Verhalten der Kinder trifft uns manchmal persönlich oder nervt uns, weil es als unverständliche Weigerung daherkommt. Zudem sind wir als Eltern nicht unbegrenzt belastbar und haben auch unsere eigenen Grenzen und Bedürfnisse. Und wir haben auch unsere Schwächen. Wir sind deshalb bei weitem nicht immer in einem Zustand, der es uns möglich macht, auf eine Weigerung in oben beschriebenem Sinn zu reagieren. Es lohnt sich aber, dies trotzdem zu versuchen.

Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen immer mal wieder gelingt, die bedingungslose Liebe zu sehen, die Ihr Kind Ihnen entgegenbringt und seine Bestrebungen wahrzunehmen, ein wertvoller Teil der Familie zu sein.

Literaturtipp:

Mehr zum Thema Integrität und Kooperation finden Sie hier:

«Dein kompetentes Kind» – Jesper Juul, Herder Verlag
Erhältlich auf www.familylab.ch

«Das gewünschte Wunschkind treibt mich in den Wahnsinn» Katja Seide und Danielle Graf, Beltz-Verlag

Im März 2019 ist dieser Artikel von mir in der Onlinezeitschrift www.familienleben.ch erschienen.

Mit einem Klick auf den Titel kannst Du den Artikel als PDF downloaden.

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