„Tut Wut gut?“

"Tut Wut gut?" Umgang mit Aggression, www.mayarisch.ch

„Tut Wut gut?“

Wut ist wird oft negativ bewertet, weil wir keine Gewalt wollen. Deshalb soll die Wut auch weg.
Dabei kann sie uns, rechtzeitig ausgedrückt, wirklich eine Hilfe sein im Leben, denn sie bringt viel Kraft mit sich.

Dieser Artikel ist im April 2020 auf www.familienleben.ch erschienen.

«Wenn ich nach einem Tag ohne Pause und dem x-ten Streit der Kinder explodiere und in der Wut meine Kinder anschreie und Dinge zu ihnen sage, die ich im Leben nie sagen wollte, plagen mich danach Schuldgefühle», sagt meine Freundin. «Wut ist keine gute Sache.» Ihr Sohn findet hingegen: «Hmm, wenn ich wütend bin und dann Dampf ablasse und schreie, stampfe und kämpfe, bin ich nachher irgendwie leichter und ruhiger. Wut tut mir gut.»

Wut erkennen und als Warnsignal nutzen

Wut ist eine Kraft, Lebensenergie, ein Grundgefühl, das alle Menschen schon bei der Geburt mitbringen. Sie leistet uns als Warnsignal gute Dienste, wenn es uns gelingt, sie rechtzeitig wahrzunehmen und zum Ausdruck zu bringen. Zum Beispiel indem wir frühzeitig und kraftvoll «Nein» oder «Stopp» sagen, wenn unsere Grenze überschritten wird. «Ich halte diese laute Musik nicht mehr aus. Ich will, dass du leiser stellst oder ins Zimmer gehst.» Oder, wenn wir kraftvoll dafür einstehen, dass wir 15 Minuten Pause brauchen, weil grad alles zu viel wird. Wut kann Veränderung bewirken, wenn wir sie rechtzeitig wahrnehmen und angemessen ausdrücken.

Das klingt einfach und einleuchtend. Warum lehnt dann aber meine oben erwähnte Freundin die Wut ab? Warum fällt es den meisten von uns so schwer, Wut als etwas Gutes zu sehen und ihre Kraft zu nutzen?

Wir wollen Wut oft nicht wahrnehmen. Warum eigentlich?

Vielfach kennen wir nur die zerstörerische Seite der Wut. Vielen von uns wurde von wütenden Erwachsenen Gewalt angetan, indem wir verbal gedemütigt oder gar geschlagen wurden. Daraus haben wir gelernt, dass Wut und Aggression zu Gewalt führen und grosse Schmerzen verursachen. Weil wir unsere Liebsten nicht verletzen wollen, lehnen wir nicht nur Gewalt ab sondern auch gleich Wut und Aggression.

Wenn wir keinen gesunden Umgang mit Wut erlebt haben, keine Modelle und Strategien kennen, wie wir konstruktiv damit umgehen können, dann ängstigt es uns, wenn wir spüren, wie Wut in uns aufsteigt. Wir wollen nicht gewalttätig sein und unsere Erfahrung sagt uns, dass wir nun gerade darauf zusteuern, also versuchen wir, die Wut zu verdrängen. Wir negieren, verstecken oder unterdrücken sie.

Wohin geht die Kraft, wenn wir unsere Wut verdrängen?

Leider führt diese Unterdrückungs-Strategie häufig genau zu dem, was wir eigentlich verhindern wollen. Indem wir Wut verdrängen, verschwindet sie nicht einfach, sondern gärt im Versteckten weiter, wie frischer Most in einer Flasche. Wir können die Flasche zwar zuschrauben, damit der Most nicht ausläuft, aber irgendwann wird der Druck so gross, dass die ganze Flasche explodiert. Die Wut staut sich an und sucht sich dann irgendwann unkontrolliert ihren Weg.

Tatsächlich ist es so, dass die Gefahr für Gewalt steigt, wenn wir uns unter Druck, hilflos oder ohnmächtig fühlen. Wir halten das nicht mehr aus, explodieren irgendwann und werden verbal oder physisch ausfällig.

Bei einigen Menschen geschieht auch das Gegenteil. Um diese Explosion zu verhindern, geht die verdrängte Kraft nach innen, gegen uns selber los. Wir werden uns selber gegenüber abwertend, zweifelnd, traurig oder verbittert.

Wie wir uns mit unserer Wut auseinandersetzen

Tut Wut nun also gut? Sicherlich nicht, wenn sie zerstörerisch wirkt. Sie tut gut, wenn wir den gesunden Umgang mit ihr erlernen.

Das ist ein Prozess. Ein erster Schritt in die richtige Richtung besteht darin, Wut bewusst wahrzunehmen, wenn sie hochkommt, statt sie zu verdrängen, wenn sie als sich als Signal meldet. «Hallo Wut» könnte ein Anfang sein.

Wenn das nächste Mal Wut hochkocht, können Sie sie versuchen, sich wie von aussen zu beobachten. Was passiert im Körper, im Herzraum, im Bauch? Welche Gedanken habe ich? Darf Wut sein? Wenn nicht, warum nicht?

Wie gehe ich denn mit der Wut meiner Kinder um? Was kann ich tun, wenn ich schon explodiert bin? Woher kommt denn die Wut überhaupt und wie kann ich sie regulieren und angemessen ausdrücken? Fragen Sie sich nun vielleicht. Damit sind Sie nicht allein, deshalb mehr dazu in einem nächsten Artikel oder in meinem Kurs „Tut Wut gut?“.

Mit einem Klick auf den Titel  kannst du den Artikel als PDF downloaden.

Ausstieg aus dem Machtkampf

Ausstieg aus dem Machtkampf

Machtkämpfe hinterlassen in erster Linie Verlierer. Sie tun keiner Beziehung gut. Obwohl wir das eigentlich alle wissen, schlittern wir doch immer wieder unvermittelt in Machtkämpfe, gerade als Eltern. Ausstieg aus dem Machtkampf ist deshalb nötig.

Und dann stecken wir darin fest. Wie ich kürzlich, als mein Sohn seine nassen Badesachen in der Schule vergass. Ich verlangte: «Geh bitte die Sachen im Schulhaus holen!» Er weigerte sich: «Nein!» «Ganz sicher gehst Du das jetzt holen!» Und schon waren wir in einen Machtkampf verstrickt. Druck erzeugt Gegendruck. Beide kämpften immer lauter und mit viel Kraft verbissen für das eigene Ziel, ohne einander richtig zuzuhören. Die Stimmung verschlechterte sich und eine konstruktive Lösung unseres Konflikts wurde unmöglich.

Die Ausgangslage war natürlich ein Konflikt, da ich etwas wollte und er etwas anderes. Es hätte trotzdem kein Machtkampf draus werden müssen, und doch geschieht genau dies immer mal wieder. Umso wichtiger stellt sich die Frage, ob und wie wir wieder aus diesem Kampf ausbrechen können.

Aus einem Machtkampf auszusteigen ist sehr schwierig, weil wir den Ausstieg als Niederlage erleben. Das eigene Ziel mittendrin aufzugeben fühlt sich nicht nur für das Kind sondern auch für mich als Erwachsene fast unmöglich an. Inzwischen habe ich aber einen Weg gefunden, der bei mir meistens funktioniert. Diesen möchte ich mit Euch teilen.

Wenn ich wahrnehme, dass ich in einen Machtkampf geraten bin, reagiere ich (an einem guten Tag) indem ich sage: „Ich merke, dass wir beide so verbissen kämpfen. Ich will aber gar nicht mit dir kämpfen. Lass uns später reden. Vielleicht kannst du mir dann sagen, wann du die Badehosen holst.“

Gelingt es mir so, den Druck wegzunehmen und auszusteigen, kann auch das Kind aufhören zu kämpfen. Der Konflikt ist damit zwar noch nicht gelöst, aber niemand fühlt sich als Verlierer und wir können wieder in Beziehung zueinander treten. Und oft kommt vom Kind auf einmal ein konstruktiver Vorschlag.

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