
Frustrationstoleranz erhöhen – diese fünf konkreten Anregungen helfen dabei
Im Text «So ein Frust!» habe ich beschrieben, wie sich Frustrationstoleranz bei Kindern entwickelt und was Schwierigkeiten damit sind. Hier ergänze ich diesen Artikel mit konkreten Anregungen, die im Alltag mit dem Kind hilfreich sind. Damit kann sich die Frustrationstoleranz des Kindes nach und nach erweitern.
Anregung 1: Ermutigung und auch mal scheitern lassen
Wenn es Ihrem Kind z.B. nicht auf Anhieb gelingt, seine Schuhe anzuziehen, oder eine schwierige Matheaufgabe zu lösen, dann lassen Ihr Kind zuerst selber ein paarmal probieren. Seien sie trotzdem präsent und ermutigen das Kind gegebenenfalls. Oft klappt es ja nach ein paar Versuchen.
Versuchen Sie gelassen auszuhalten, wenn Ihr Kind frustriert ist, weil es nicht klappt und warten Sie mit Hilfsangeboten ab. Das kann schwierig sein, wenn das Kind «Grr» macht, jammert weil es nicht klappt, oder sagt: «Ich kann das nicht.» Durch Ihre Zurückhaltung und Geduld ermöglichen Sie dem Kind, seine Frustrationstoleranz zu erweitern und durch üben und eigene Anstrengung ein Erfolgserlebnis zu erreichen.
Sie kennen Ihr Kind und wissen, wann seine Frustrationsgrenze erreicht ist. Wird der Frust zu gross, können Sie immer noch fragen, ob das Kind einen Tipp oder Hilfe bekommen will. Sie können auch sagen: «Komm wir machen das zusammen.» Helfen Sie so wenig wie nötig, damit das Kind motiviert bleibt, sich weiter zu bemühen.
Anregung 2: Was hilft mir als Erwachsene – Vorbildfunktion
Nutzen Sie Gelegenheiten im Alltag, um Ihrem Kind zu zeigen, was Ihnen selber dabei hilft, Frustration auszuhalten und eine Aufgabe erfolgreich zu meistern. Kinder lernen sehr viel durch beobachten und nachahmen.
Mir zum Beispiel hilft es,
- eine Arbeit, Aufgabe auch mal wegzulegen und später nochmals anzugehen.
- zuerst etwas zu essen oder zu trinken, bevor ich es nochmals versuche.
- dass ich ausspreche, was nicht geht und was mich ärgert: «Diese Schnur geht einfach nicht durch diese Öse, das ärgert mich und ich habe bald keine Geduld mehr dafür.»
- jemanden um Unterstützung zu bitten.
Anregung 3: Unangenehme Gefühle anerkennen und dann Problemlösungsideen finden
Nennen Sie Frust, Wut, Enttäuschung, Schwierigkeit beim Namen und geben Ihrem Kind so Wörter, die es mit der Zeit selber verwenden kann.
Indem Sie unangenehme Gefühle laut aussprechen, um sich zu regulieren, zeigen Sie dem Kind, wie Sie mit Ärger umgehen: «Mist, jetzt habe ich vergessen, den Kochherd auszuschalten und die Milch ist übergelaufen. Das ärgert mich gerade gewaltig. Am liebsten würde ich die Pfanne auf den Boden werfen. Das tue ich aber nicht. Ich gehe wohl lieber kurz auf den Balkon, stampfe und atme frische Luft. Später mache ich alles wieder sauber.»
Anerkennen Sie auch die Gefühle Ihres Kindes, wenn dieses Frustration ausdrückt: «Ich sehe, dass es noch nicht klappt, deine Jacke zuzumachen, das ärgert dich, stimmts?»
Anregung 4: Muten Sie dem Kind etwas zu und ermöglichen Sie so, Frust zu erfahren
Ein alltägliches Übungsfeld, Frust erleben zu lassen entsteht jedes Mal, wenn Sie liebevoll und klar «Nein» sagen. Das löst Frust aus beim Kind. Lassen Sie diesen zu, geben Sie ihm Raum und halten Sie ihn möglichst gelassen aus. (Mehr dazu im Artikel «Nein sagen….). Das bedeutet nicht, das Kind dann mit den unangenehmen Gefühlen alleine zu lassen. Benennen sie seine Gefühle, trösten Sie es, wenn es weint. Halten Sie Wut und Enttäuschung mit ihm aus. (Link auf Umgang mit Wut). Wenn Sie hingegen das Kind stets vor Enttäuschungen und Rückschlägen und sich damit vor dem lauten Ausdruck von Frust schützen, verhindern Sie, dass es Frust überhaupt erleben und den Umgang damit üben kann.
Anregung 5: Warten und Bedürfnisse aufschieben üben
Babies sind auf eine zeitnahe Erfüllung ihrer Bedürfnisse angewiesen. Kleinkinder können und müssen lernen, zuerst einen Moment und mit der Zeit auch ein paar Minuten auf die Erfüllung ihres Bedürfnisses zu warten. Dieses Aufschieben von Bedürfnissen bewältigen Kinder vor allem zu Beginn dieses Lernprozesses selten geräuschlos. Babies schreien, wenn sie etwas brauchen. Kinder müssen zuerst lernen, dass es noch andere Strategien gibt.
Einige Kinder brauchen länger, um eine grössere Frustrationstoleranz zu erlernen als andere, das ist normal.
Widerstehen Sie folgenden, verlockenden Strategien, diesen Lernprozess zu beschleunigen, indem Sie zum Beispiel
Nicht hilfreich und nicht zielführend:
- Handy oder Süssigkeiten geben, wenn das Kind frustriert ist (nicht zielführend, fördert Suchtverhalten)
- Bestrafung: Diese führt zu mehr Frust (nicht hilfreich und belastet Ihre Beziehung zum Kind)
- Vorwürfe: «Du solltest das jetzt aber können, warum schaffst das noch nicht?» (entmutigend, abwertend, Selbstwertgefühl leidet)
Zum Thema «Verlieren will gelernt sein.» wurde ich vor einiger Zeit von Martin Rupf, Galaxus, interviewt und den Artikel finden Sie hier: «Wenn dein Kind nicht nur das Spiel, sondern komplett die Fassung verliert»
Wollen Sie sich vertiefen und auf Ihre Situation zugeschnittene Antworten bekommen, dann melden Sie sich gerne bei mir. Dann finden wir in einem individuellen Beratungsgespräch heraus, welche weiteren Handlungsmöglichkeiten Sie und Ihre Familie zusätzlich weiterbringen.
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